Ein neuer Kompass für die digitale Zukunft

In einem "Kommentar der Anderen" für den Standard haben KollegInnen und ich folgenden Artikel publiziert, der sich mit den gesellschaftlichen und ökologischen Auswirkungen digitaler Technologie beschäftigt. Der Text entstand während eines Dagstuhl Seminars zum Thema "Values in Computing" im Sommer 2019 und wurde dann ins Deutsche übersetzt.

AutorInnen: Ann Light (University of Sussex), Christopher Frauenberger (TU Wien), Christoph Becker, Dawn Walker, Curtis McCord, Steve Easterbrook (alle University of Toronto), Lisa Nathan (University of British Columbia), Irina Shklovski (ITU Copenhagen), Elizabeth Patitsas (McGill University Montreal).

Der Kommentar ist am 1.2.2020 hier im Standard erschienen.

Ein neuer Kompass für die digitale Zukunft

Von welchen Werten sollen wir uns im Zeitalter von Digitalisierung und Klimakrise leiten lassen? Computerwissenschafter fordern ein radikales Umdenken

Was verbindet die Digitalisierung mit den verheerenden Buschbränden in Australien? In unserem Zeitalter bestimmt digitale Technologie große Teile unserer Handlungsfähigkeit: Soziale Medien bringen uns das furchtbare Ausmaß der Zerstörung ganz nah, sind aber zugleich auch die technologischen Strukturen, die einen Überwachungskapitalismus möglich machen, in dem Umwelt, soziale Gerechtigkeit und Demokratie nur störende Randbedingungen darstellen.

Als Wissenschafter und Technologen sehen wir die dringende Notwendigkeit, eine neue Idee der Digitalisierung unserer Welt zu entwerfen. Nicht Bitcoin, Cloud, Artificial Intelligence oder irgendein anderer Technologiehype soll als scheinbare Notwendigkeit unser Leben revolutionieren. Wir alle sind Gestalter dieser Digitalisierung und brauchen eine, die den Bedürfnissen unserer Welt gerecht wird. Eine Digitalisierung, die Menschen Zugehörigkeit, Teilhabe und Mitbestimmung ermöglicht. Eine Digitalisierung, die Menschen als Teil eines Ökosystems auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen versteht. Dies könnte bedeuten, weniger Technologie "smarter" einzusetzen. Es benötigt dafür bessere Entscheidungen, die von den drängenden sozialen und ökologischen Fragen geleitet sind. Und es benötigt dafür einen neuen, kollektiven moralischen Kompass.

In einer Welt, in der Roboter und künstliche Intelligenz Arbeit ersetzen und unsere Güter erzeugen, werden wir durch personalisierte Werbung und maßgeschneiderte Realitäten bei Laune gehalten. Menschen leben in isolierten Gedankensilos, die zu einer gefährlichen Polarisierung der Politik und der Unterdrückung von kollektiven Antworten auf gemeinsame Fragen führen – all das, während die großen Technologiefirmen unsere Daten in ihren Profit verwandeln.

Diese Fragmentierung von Wissen, Werten und Lebenserfahrungen zerstört die Bausteine jeder gemeinsamen Öffentlichkeit. Wir sind in ein Abhängigkeitsverhältnis mit einem ausbeuterischen System geraten. Das Silicon-Valley-Mantra "Move fast, break things" zerbricht im wahrsten Sinne unsere Demokratien und unsere kollektive Widerstands- und Gestaltungsfähigkeit.

Man könnte dies alles als ein rein politisches Machtspiel abtun, wie es viele in der Geschichte gegeben hat, wenn wir nicht vor einer Herausforderung stünden, die die Existenz der Menschheit als Ganzes bedroht. Der Klimanotstand, dessen Umfang uns Tag für Tag vor Augen geführt wird, erlaubt es uns nicht, weiter untätig wegzuschauen.

Der Energieverbrauch des Internets übersteigt mittlerweile den der gesamten Luftfahrt. Das Training einer einzigen künstlichen Intelligenz benötigt mehr Energie als die Herstellung von fünf Autos. Die Kryptowährung Bitcoin bezieht sogar ihren Wert aus der Menge an Elektrizität, die benötigt wird, um sie zu erzeugen. Der geschätzte weltweite Energieverbrauch von Bitcoin-Mining hat den von 175 Ländern der Erde überholt, inklusive der Schweiz, Irland und Österreich.

Der Technologieoptimismus ist dennoch ungebrochen. In den USA glauben 55 Prozent der Menschen, dass Technologie die meisten Probleme der Klimakrise lösen wird. Es ist eine Ironie unserer Zeit: Dieselben Interessen, die Unmengen an Energie verbrauchen, um uns personalisierte Werbung zu zeigen, haben uns überzeugt, dass wir uns beruhigt zurücklehnen können, weil Technologie die Lösung ist.

Natürlich werden Technologien uns dabei helfen müssen, der Klimakrise zu entgegnen, aber die momentanen Treiber der Digitalisierung führen uns in eine andere Richtung. Für das Internet der Dinge zum Beispiel wird prognostiziert, dass im Jahr 2030 über 125 Milliarden vernetzte Geräte existieren werden – über 15 pro Mensch. Es scheint Gleichgültigkeit zu herrschen gegenüber dem potenziellen Energieverbrauch nicht nur der Geräte selbst, sondern auch der Speicherung und Verarbeitung der enormen Datenmengen, die dabei anfallen. Und trotzdem werden uns Smart Homes, selbstfahrende Autos und neue Kryptowährungen angeboten, um Probleme zu lösen, die von Technologie geschaffen wurden. Jede dieser Technologien kommt mit einem erheblichen sozialen und ökologischen Fußabdruck daher, den wir uns nicht leisten können.

Wir schreiben diese Zeilen als progressive Computerwissenschafter und nicht als rückwärtsgewandte Romantiker. Unser Widerstand richtet sich gegen diese Digitalisierung, nicht gegen digitale Technologie per se. Technologie verändert, wie wir leben. Sie verschiebt Machtgefüge, verteilt Information, ermöglicht Entscheidungen und macht uns zu dem, was wir sind.

Wir brauchen Innovation, die der Klimakrise entgegentritt und uns gesellschaftlich voranbringt. Wir brauchen Innovation, die verantwortungsvoll mit Ressourcen und anderen Lebewesen auf diesem Planeten umgeht. Wir brauchen Innovation, die digitale Technologie in den Dienst dieser gemeinsamen Interessen stellt, und das sollte der oberste Maßstab für ihre Bewertung sein. Wir wollen konkrete Vorschläge für die Rahmenbedingungen machen, in der solche Innovation stattfinden kann:

  • Zerschlagung von Technologiemonopolen und Regulierung des Geschäftsmodells eines Überwachungskapitalismus.

  • Gestaltung offener, digitaler Technologie, die repariert, angepasst und verändert werden kann, sodass sich Menschen ihre Technologie aneignen und selbstbestimmt das meiste daraus machen können.

  • Verwendung und Verwertung von Daten nur nach dem Prinzip des Gemeinwohls.

  • Ablehnung von Automation, die Mangel erzeugt: Technologie sollte uns bereichern, nicht ersetzen.

  • Mobilisierung der globalen Vernetzung, um kollektive Handlungsfähigkeit zu erlangen.

  • Schaffung öffentlicher Verhandlungsräume, etwa Bürgerversammlungen, die es Menschen erlauben, digitale Zukünfte demokratisch mitzugestalten.

  • Förderung von Vielfalt, Würde und Anstand in der Gestaltung von digitalen Technologien rund um den Menschen als Teil des Ökosystems.

  • Schaffung eines Bewusstseins für die ökologischen und sozialen Kosten von digitaler Technologie, die es jedem ermöglichen, deren (Mehr-)Wert zu beurteilen. Das Internet ist nicht gratis.

  • Einforderung von Klimaneutralität in der digitalen Industrie. Nicht in der Zukunft: Heute.